Sie sind hier: Großseelheim
Zurück zu: Wissenswert
Allgemein: Was wir glauben Kontakt Impressum Gottesdienste

Suchen nach:

Großseelheim

Baugeschichte der Kirche in Großseelheim

Das Kirchengebäude in Großseelheim ist ein in Massivbauweise errichteter mittelalterlicher Saalbau; ursprünglich mit einem nach Osten gerichteten abgesetzten Chorraum. Der Außenbau ist heute fast vollständig verputzt, lediglich auf der westlichen Giebelseite ist die aus behauenen Buntsandsteinen bestehende Eckquadrierung ausgespart worden. In der Mitte der Westmauer ist ein gestuftes Rundbogenportal mit einem nach außen vortretenden, profilierten Kämpfergesims zu finden, das offensichtlich dem ältesten Gebäudebestand zuzurechnen ist und stilistisch in das 12. oder spätestens in die 1. Hälfte des 13. Jahrhunderts datiert werden kann.


Über dem Portal befindet sich ein rundes Rosettenfenster. In den gleichen Zeitraum lässt sich ferner der auf der Höhe des Dachgeschosses erhaltene `pietra-rasa´ Putz auf der Innenseite der Westmauer datieren, der durch horizontal und vertikal eingebrachte Ritzfugen Quadermauerwerk nachahmt und im Zusammenhang mit einer älteren, ursprünglich wohl offenen Dachkonstruktion über dem Gemeinderaum angesehen werden muss.

Das heutige auffallend steile Satteldach, das sich über dem westlichen Teil des Gemeinderaumes erhebt, ist mit Sicherheit erst in das späte Mittelalter zu datieren, d.h. offensichtlich ist dieses dem bestehenden älteren Gebäudekörper nachträglich aufgesetzt worden. Es handelt sich um ein Sparrendach mit doppelter Kehlbalkenlage, das durch eine Firstsäulenkonstruktion und zwei seitlich angeordnete Stühle unterhalb der ersten Kehlbalkenlage längsausgesteift wird. Die Firstsäulenkonstruktion besteht heute aus insgesamt vier Säulen, die, von Westen nach Osten mit römischen Ziffern durchnummeriert, auf zwei Ebenen jeweils durchlaufend verriegelt sind, wobei die Riegel teils in die Säulen eingezapft, teils aufgeblattet sind. Die westlichen drei Säulen sind ferner durch den Riegeln überblattenden Andreaskreuzen winkelausgesteift, während zwischen den östlichen Säulen nur eine nach Osten ansteigende Langstrebe zu finden ist, die an ihrem oberen Ende für den nachträglichen Einbau des anschließenden östliche Dachraumes gekürzt wurde. Offensichtlich lief die beschriebene Dachkonstruktion ursprünglich bis zum östlichen Ende des Gemeinderaumes durch.
Der besagte östliche Dachraum ist ein zu den Längsseiten des Gebäudes hin leicht angezogener, annähernd quadratischer Kubus aus mit langen Streben quer – und diagonalausgesteifte Ständerwänden über dem sich mittig ein stockwerksweise verzimmerter, achtseitiger Spitzhelmdachreiter erhebt. Im inneren des Gemeinderaumes wird die Konstruktion durch vier freisthende Holzstützen weitergeführt, wobei das östliche Säulenpaar durch geschweifte Kopfbänder winkelausgesteift ist, die einen hölzernen Chorbogen in Form eines nach unten geöffneten Dreipasses bilden. Oberhalb der Dachbalkenlage ist die Dachreiterkonstruktion nach Norden hin als Uhrenhäuschen abgeteilt.

Im Novmber 1998 wurde eine dentrochronologische Untersuchung der verbauten Holzbauteile des Dachstuhles durchgeführt wobei festgestellt wurde dass das Fälldatum der Firstsäulen und weiterer Holzbauteile aus dem Jahr 1422 -1424 datiert.

Mitte der sechziger Jahre erfolgte eine große Sanierungs – und Umbaumaßnahme der Kirche von Groseelheim.
Der ursprünliche Chorraum wurde abgebrochen und durch einen querrechteckigen Choranbau mit einem bis auf ca. 2,20 meter hohen Sockel mit einem steilen Satteldach versehen. Die gesamte Dachkonstruktion über dem Gemeinderaum wurde mittels Stahlquerträger und Stahlbetonringbalken auf den Aussenmauern ausgesteift.

An dieser Stelle eine Ergänzung von H. Nau:

"Bei den betreffenden Ausschachtarbeiten für den An.-bzw. Umbau wurde ein größeres Gräberfeld entdeckt, das aus der Pestzeit herrührte, hierbei wurde der damalige Marburger Landeskonservator (vom Landratsamt) informiert, der dann weitere vorsichtige Grabungen veranlasste. Hierbei wurde auch ein sehr wertvolles Grab, von einem jüngeren Mädchen entdeckt, das eine Glasperlenkette umhatte. Dieses Mädchen war zu dieser Zeit in einem sogenannten ausgehölten Baumstamm beigesetzt bzw. begraben worden. Die vorhandene Kette wurde gesichert und meines Wissens in das damalige Marburger Landesdenkmalamt gebracht. Die bei den Ausschachtarbeiten freigelegten Gebeine wurden nach Abschluss der Grabungsarbeiten, dann wieder an der alten Kirchenseite (zur alten Kindergartenseite hin) wieder beigesetzt bzw. umgebettet."
Der komplette Innenraum der Kirche wurde neugestaltet. Die ursprüngliche Kanzel und Orgel wurden entfernt. In dem neuen Chorraum wurde ein Altarpodest mittig eingebaut und links und rechts wurden Sitzreihen angeordnet.
Die ursprünglichen Sitzreihen mit Mittelgang wurden abgebrochen und durch neue Sitzreihen mit jeweils einem Seitengang ersetzt. Der Eingang wurde durch einen Windfang vom Gemeinderaum abgetrennt. Auf der Empore wurde eine neue elektrische Orgel eingebaut.

Mitte der sechziger Jahre standen größere Renovierungsmaßnahmen an. Diese resultierten aus Nachwirkungen eines Blitzeinschlages vom Karfreitag 1960. Das Dach und die Decken wurden erheblich geschädigt, die elektrischen Leitungen wurden total zerstört, das Schieferdach wurde zunehmend schadhafter, der Dachdecker weigerte sich, weitere Reparaturen durchzuführen. Dadurch regnete es an mehreren Stellen durch, über der Orgel brach ein Stück Decke herunter und zerschlug fast alle Pfeifen, soweit der Holzwurm nicht schon einen Teil unbrauchbar gemacht hatte. Die Kirche wird im Herbst 1969 geschlossen. Die Gottesdienste finden im Jugendheim und im Bürgerhaus statt. Obwohl die Gemeindeversammlung sich für den Abbruch der alten Kirche und damit für einen Neubau entschieden hatte, entscheidet der Kirchenvorstand, dass die Kirche umgebaut und erweitert werden sollte.

Die umgebaute Kirche wird 1971 wieder in Gebrauch genommen.
Im Jahre 2000 erfolgte eine weitere Sanierung der Kirche. Durch die massiven Eingriffe in die Baukonstruktion bei der Sanierung in den sechziger Jahren ist es zu konstruktiven Schäden gekommen die korrigiert werden mussten.
Die Westmauer hatte sich durch die statische Konstruktionänderungen nach Westen geneigt und musste mit den Längswänden verdübelt werden. Die eingebaute Stahlträgerkonstruktion wurde zurückgebaut und das ursprünglich statische Konzept wieder hergestellt . Weiterhin wurde die gesamte Dachkonstruktion überarbeitet und mit Holzschutz versehen.

Im Jahr 2003 wurde, auschließlich in Eigenleistung, der Gemeinderaum und der Chorraum neu gestaltet. Die vorhanden Sitzbänke wurden umgebaut und der ehemalige Mittelgang wieder hergestellt. Im Chorraum wurden die Bänke gekürzt damit man von zwei Seiten die Sitzplätze erreichen kann. Der Gemeinderaum mit Empore wurde mit einem neuen Anstrich versehen.

Nach dieser Umbaumaßnahme erfolgten bis heute keine weitern Umgestaltungen, aber es bestehen Bestrebungen, die Orgel umzubauen und wieder eine Kanzel einzubauen.